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"Rückwärtsgewandtheit halte ich für sündhaft"

"Rückwärtsgewandtheit halte ich für sündhaft"
"Rückwärtsgewandtheit halte ich für sündhaft"

LIMBURG.- Rückwärtsgewandtheit hält Bischof Dr. Georg Bätzing für sündhaft, denn sie traue Gott nicht zu, auch die Gegenwart als Ackerbogen für die Saat des Evangeliums bereiten zu können. Dies hat der Limburger Bischof vor mehr als 200 Geistlichen am Tag der Priester und Diakone im Bistum Limburg betont. Die Kirche sei im Wandel und mit ihr auch die Rollenbilder von Priestern und Diakonen.

Als Priester und Diakon im Heute leben

Angesichts dieser Veränderungen sei nicht Indifferenz, sondern Differenzierung angesagt, Entschiedenheit und nicht Beliebigkeit. Die Gegenwart sei kein Gegner und sie stehe der Weitergabe des Glaubens und dem Wachstum der Kirche nicht prinzipiell feindlich gegenüber. "Heute leben wir und haben unseren Auftrag als Priester und Diakone zu erfüllen. Wir sind Zeitgenossen aller anderen Menschen. Uns verbindet mit ihnen viel mehr als uns aufgrund unseres Glaubens an Jesus Christus von ihnen unterscheidet", erklärte der Bischof. Die großen Strömungen der heutigen Zeit prägten alle. Sie steckten den Raum der großen Freiheit ab, die Gott den Menschen geschenkt habe und den er für nichts in der Welt aufgeben oder eintauschen wolle. Um diese Freiheit wirklich zu gestalten, brauche es die Fähigkeit zu unterscheiden und dadurch zu einer Entscheidung zu kommen. Dies gehe in der Kirche nicht ohne das Gebet. Es brauche das Gebet, den Dialog und dann eine gemeinsame Entscheidung. "Wir müssen versuchen, Erfahrungen zu sammeln und Menschen zu finden, die uns genau erklären, wie Entscheidungsfindung vor sich geht. Jede Veränderung, die man vornehmen muss, macht es erforderlich in diesen Unterscheidungsprozess einzutreten. Das bringt uns mehr Freiheit", sagte Bätzing.

Wachstum gehört zum Wesen der Kirche

Die Gesellschaft stehe in einer Situation größtmöglicher Autonomie, entwickelter Pluralität, aufgeklärter säkularer Selbstgewissheit und medialer Vernetzung. Glaubensweitergabe und Verkündigung seien daher schon lange keine Selbstläufer mehr. Es brauche vielmehr die freie Entscheidung zu Glauben und aus dem Evangelium zu leben. Beides müsse zuvor persönlich erfahren worden sein. Unter solchen unvergleichlichen Rahmenbedingungen bräuchten sich Priester, Diakone und hauptamtliche Seelsorgerinnen und Seelsorger von niemanden einreden zu lassen, die Kirche zehrte in Deutschland zwar von einer vergangenen Größe, schwächelte aber lange schon auf abschüssiger Bahn. "Viel eher gehören wir, zur Avantgarde, zu den Kundschaftern des Übergangs in eine künftige Kirchengestalt. Dazu müssen wir uns freilich bewegen. Stillstand ist nicht gestattet. Einfach so weitermachen wie bisher und immer nur das Übliche tun, verbietet sich. Ich erwarte von jedem Priester, Diakon und von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Pastoral, dass wir einen Teil unserer Arbeitszeit und seelsorglichen Kompetenz bewusst in neue Ideen und in Wachstumsprozesse investieren", so der Bischof. Wachstum sei in der Kirche wesentlich. Kirche in ihrer jeweiligen Zeit, ist für Bätzing eine Kirche, die sich entwickelt.

Kirche muss in der Selbstlosigkeit konkret werden

Ausdrücklich ermutigte der Bischof, die Priester und Diakone mutige Wege in der Pastoral zu gehen. In allem Überlegen nach Aufbrüchen und im Suchen nach Wegen der Kirchenentwicklung müsse es letztlich darum gehen, im Glauben zu wachsen und die Menschen dieser Zeit in Berührung mit dem lebendigen Herrn und seinem Evangelium zu bringen. "Es muss um die Menschen in ihren konkreten Lebenssituationen mit Sorgen, Fragen, Hoffnungen und Sehnsüchten gehen", sagte Bätzing. Und es müsse darum gehen, Christen an ihre Berufung und Sendung in der Kirche zu erinnern, die in Taufe und Firmung grundgelegt ist. Es gelte, Charismen und Begabungen zu erkennen und zu fördern. Es gehe darum, Netzwerke zu schaffen, Menschen zu verbinden und sie zur Mitte allen kirchlichen Lebens, zur Eucharistie, hin zu sammeln. "Dieses zeitgemäße Selbstverständnis der Kirche wird in der Selbstlosigkeit konkret, mit der wir zu einem erfüllten Leben von Menschen beitragen. Es geht nicht so sehr um die Frage, wer wir als Kirche sind, sondern vordringlich darum, für wen wir Kirche sind", so der Bischof. Diese Frage müsse zu einem Kulturwandel führen, der angestrebt und erlernt werden soll. Dieser Kulturwandel sei dann der Kristallisationspunkt für kirchenbildende Prozesse.

Kirchenentwicklung ist Basis-Prozess der Diözese

Der Weg der Kirchenentwicklung, der im vergangenen Jahr mit der Pastoralwerkstatt begonnen hat, sei der Basis-Prozess im Bistum, der alle Ebenen des kirchlichen Lebens umgreife und dem alle Einzelprojekte und Einzelprozesse zugeordnet werden müssen. "Wesentlich für die Kirchenentwicklung wird es sein, ob es uns gelingt, einen Kulturwandel auf allen Ebenen zu befördern", sagte Bätzing. Dieser Kulturwandel zeige sich in Grundhaltungen und sei daran zu erkennen, dass missionarisch und diakonisch gedacht und gehandelt werde. Es gehe um eine Offenheit für die Zeichen der Zeit und darum sie im Licht des Evangeliums zu deuten. Dazu müsse man sich unter das Wort Gottes stellen, vertrauen können und vertrauenswürdig sein. Es gelte die Gaben und Fähigkeiten anderer wertzuschätzen und zu fördern. Zum Kulturwandel gehöre auch, dass es Beteiligungsmöglichkeiten gebe und die Fehlerfreundlichkeit sowie die Konfliktfähigkeit gestärkt werde.

Bischof will Entwicklungsdialoge fördern

Wichtig auf diesem Weg des Kulturwandels und der Kirchenentwicklung sollen sogenannte Entwicklungsdialoge werden. Es soll unterschiedliche Formate und Formen geben, die es möglich machen, miteinander ins Gespräch zu kommen, Erfahrungen zu reflektieren und weiterzugeben, Fragen zu klären, Vorbehalte hinsichtlich des zugrundeliegenden Kirchenverständnisses offen zu kommunizieren und an einer Vergewisserung für ein gemeinsames Grundverständnis zu arbeiten. "Ich bitte Sie wirklich alle, sich daran zu beteiligen. Der Weg der Kirchenentwicklung im Bistum Limburg braucht Priester. Weg und Ziel sind sakramental bestimmt, weil es letztlich darum geht, dass Menschen in der Gemeinschaft der Kirche zu einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus finden", sagte der Bischof.

Kirchenentwicklung braucht Priester und Diakone

Das Bistum brauche Priester, so Bätzing, die eine interessierte und kritische Zeitgenossenschaft lebten. Sie sollten nicht wie "aus der Zeit gefallen" wirken und sie sollten solidarisch mit allen Menschen "guten Willens" sein. Es brauche Priester, die geistlich lebten und etwas ausstrahlen, daher seien geistliche Akzente im Alltag absolut nötig. "Unser Bistum braucht Priester, die ihren Auftrag professionell ausüben und sich weiterbilden", sagte der Bischof. Dazu gehöre es auch, den Wandel im Priesterbild und im Rollenverständnis zu reflektieren, ihn anzunehmen und bewusst zu gestalten. Die Rolle des Priesters sei nach wie vor stark. Dies dürfe aber nicht dazu führen, dass Kompetenzen und Charismen anderer in den pastoralen Teams und in den Pfarreien blockiert würden. Es gehe vielmehr darum, fruchtbar zu wirken und in die Begleitung von Wachstumsprozesse und Berufungswegen anderer Menschen zu investieren. Bischof Georg wünscht sich Priester, die kirchlich gesinnt sind. Darunter verstehe er Mitbrüder, die lieber mit anderen gemeinsam unterwegs sind als allein zu agieren, die am Ball der kirchlichen Entwicklung bleiben, die aber nicht so weit vorpreschen, dass sie "einsame Spitze" seien, der niemand folgen könne. Vielmehr gehe es darum, gemeinsam im Glauben zu wachsen.

Bestandsaufnahme

Den inhaltlichen Gedanken zur Kirchenentwicklung stellte Bischof Georg einen Blick in die Statistik voran: Von den insgesamt 225 Diözesanpriestern des Bistums Limburg stehen 111 im aktiven Dienst der Pfarrseelsorge sowie der kategorialen Seelsorge und anderen Aufgabe. Das bedeutet: Eine fast gleichgroße Zahl von Priestern lebt im Ruhestand. Den 94 Limburger Diözesanpriestern in der Pfarrseelsorge stehen 79 Priester aus anderen Diözesen oder aus Ordensgemeinschaften zur Seite. Insgesamt 66 Priester der Weltkirche prägen zudem die Kultur der Pfarrseelsorge maßgeblich mit. Im vergangenen Jahr sind fünf Männer zum Priester geweiht worden und 13 Seminaristen bereiten sich für die Diözese Limburg auf die Priesterweihe vor. Eine erfreuliche Zahl, die, so der Bischof, nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass die Alterspyramide auf der Spitze stehe.

Der gesamte Vortrag des Bischofs am Tag der Priester und Diakone findet sich hier. (StS)